Sächsischer Pflegerat

 
Stand / Druckdatum: 29.01.2020

Presse | Sächsischer Pflegerat

 

 
12.03.2013

Pflegerat macht Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen

Artikel in DNN/LVZ zu Fachkräftemangel in der Pflege

Pflegebranche feilt am Image

Besseres Arbeitsklima und weniger Stress sollen Fachkräfte-Gewinnung erleichtern
Dresden/Leipzig (DNN).
 
Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt kontinuierlich, doch auch in Mitteldeutschland wird es immer schwieriger Menschen zu finden, die diese Arbeit übernehmen. Der Kampf um Fachkräfte ist auch der Kampf einer Branche um ihr Image und um gesellschaftliche Anerkennung.
Von Sabine Schanzmann-Wey
Christel Nägele hat zwei Puppen ordentlich in ihr Bett gelegt und zugedeckt. "Das sind Ulrike und Peter", sagt die 77-Jährige. So heißen ihre Kinder, beide längst erwachsen. Auf der Kommode steht ein Teddybär, den der Sohn als Kind gebastelt hat. Es sind Erinnerungen an ein Leben, das in Vergessenheit zu geraten droht. Denn Christel Nägele ist demenzkrank - so wie ihre elf Mitbewohner. Sie leben in einer Wohngemeinschaft, die vom Pflegedienst Advita in Leipzig betrieben wird. Jedes Zimmer ist mit den eigenen Möbeln der Bewohner eingerichtet. "Fotos sind ganz wichtig", sagt Stefanie Henke und nimmt ein Bild von der Wand, auf der Christel Nägele mit ihrem Mann in New York zu sehen ist. Behutsam stellt die 25-Jährige Fragen, erzählt, nimmt die ältere Dame in den Arm. "Das war sehr schön", sagt diese immer wieder und beide lächeln.
Seit der Eröffnung im vergangenen Jahr leitet Stefanie Henke die WG. "Ich habe schon in jungen Jahren gemerkt, dass mir der Umgang mit alten Menschen Spaß macht", erzählt sie. Sie sei viel bei der Oma gewesen, habe bereits mit 13 ihre ersten Praktika gemacht. Bei Advita absolviert sie schließlich die dreijährige Ausbildung. Hier hat sie erstmals Kontakt mit Demenzkranken und spürt, dass sie für diese Patienten das richtige Einfühlungsvermögen hat. "Ich habe eine Engelsgeduld", sagt Henke. Ihr liege es am Herzen, den Bewohnern einen schönen Alltag zu gestalten.
Mitarbeiter wie sie sind gefragt. Denn nicht jeder kann die körperlichen und vor allem auch psychischen Belastungen im Umgang mit Pflegebedürftigen verkraften. Zudem gibt es ein Imageproblem. Im Stressreport Deutschland stehen Pflegeberufe ganz oben. Berichte über Missstände in Pflegeheimen tun ihr Übriges. "Es ist ein gesellschaftlicher Auftrag, das Berufsbild aufzuwerten", sagt daher Heike Formann, die Regionaldirektorin der Maternus-Seniorencentren. Dabei sei die Vergütung nur ein Aspekt. "Dinge wie Zufriedenheit, ein gutes Arbeitsklima oder die Möglichkeit, sich fortzubilden, spielen eine ebenso große Rolle."
Auch Michael Junge, Vorsitzender des Pflegerats Sachsen, hält es für notwendig, das Image nicht nur über Plakatkampagnen, sondern durch Taten zu verbessern. "Es ist eine tolle Arbeit, die zufrieden macht und krisensicher ist." Für den Vertreter der sächsischen Pflegenden ist es dabei der falsche Weg, das Niveau weiter abzusenken. Vielmehr müsste die Ausbildung bis hin zum Masterstudium attraktiver gestaltet werden. "Der Beruf ist extrem anspruchsvoll. Es geht nicht nur darum, Essen zu geben, sondern auch wissenschaftliche Erkenntnisse umzusetzen", sagt Junge.
Der Pflegerat will daher auch eine Selbstverwaltung ähnlich von Rechtsanwalts- oder Ärztekammern schaffen. Mit einer solchen Vertretung könne man auf Augenhöhe mitgestalten. Zugleich müsste es einen besseren Personalschlüssel geben, um die Arbeitsbelastung zu senken. "Nur wenn die Bedingungen stimmen, können wir Personengruppen wie Abiturienten oder auch mehr Männer für Pflegeberufe gewinnen." Eine Fachkräfte-Anwerbung aus dem Ausland hält er dagegen für "völlig verfehlt und ethisch verwerflich", weil andere Länder das gleiche Pflege-Problem hätten.
Matthias Faensen vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste wünscht sich indes eine "Willkommenskultur" für Fachkräfte aus dem Ausland. Diese dürften nicht durch langwierige Anerkennungsverfahren vergrault werden. Zugleich fordert er, dass der Freistaat Sachsen die Schulausbildung der Pflegekräfte finanzieren solle. Denn im Gegensatz zu anderen Berufen läuft diese über Privatschulen. Das heißt, Auszubildende müssen selbst bezahlen oder der Ausbildungsbetrieb übernimmt die Kosten und muss diese auf seine Patienten umlegen. Bei Advita betrage diese Umlage derzeit 2,43 Euro pro Tag und Kunde.
Faensen, zugleich Geschäftsführer von Advita, sieht aber auch die Dienstleister in der Pflicht, ein attraktives Arbeitsumfeld zu schaffen und Angebote ökonomischer zu machen. So werde die Demenz-WG in enger Zusammenarbeit mit den Angehörigen betreut, die oft mehrere Stunden bei den Bewohnern verbringen. Damit komme man auch dem Wunsch nach häuslicher Pflege entgegen.
In der großen Wohnküche ist Christel Nägele gerade dabei, Teller abzutrocknen. Das könne sie nicht immer, sagt Stefanie Henke. Die WG-Leiterin legt Wert darauf, viel gemeinsam mit den Bewohnern zu machen. So wird zusammen gekocht, abgewaschen, geredet oder klassische Musik gehört. "Der Lohn für meine Arbeit ist nicht nur das Finanzielle", betont die junge Frau. "Wenn ich ein Lächeln sehe, dann ist mir das mehr wert."

Dresdner Neuste Nachrichten, 11.03.2013
 
 
 
 
 
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